Ausgabe #87: Bavarian Value Letter 2019 by Andreas Kuhn

Titelbild_#45
(Bru-nO, PixabayPixabay Lizenz)



Servus zusammen,

wie letztes Jahr auch möchte ich euch in Form eines persönlichen „Letters“ an Anekdoten und Meinungen meinerseits teilhaben lassen.


Mein Weg als zum Value Investor

Ich will euch gerne näherbringen, wie ich eigentlich so überzeugt von Value Investing geworden bin. An der Uni habe ich VWL studiert und bin so in Berührung gekommen mit etlichen Modellen. Was viele von diesen Modellen gemeinsam haben ist, dass sie Annahmen treffen müssen. Eine weit verbreitete Annahme ist die des Homo Oeconomicus, also eines Menschen, der immer rational seine Entscheidungen trifft. Rational ausgedrückt ist das leider ziemlicher Bullshit. Wenn der Mensch – vor allem am Aktienmarkt – etwas kurzfristig nicht ist, dann rational. Man unterliegt so vielen Denkfehlern, dass man ganze Bücher damit füllen kann (z.B. von Daniel Kahneman: Schnelles Denken, langsames Denken ).
Des Weiteren haben wir im Studium natürlich auch etwas über Optionen „gelernt“. Put, Call, Vanilla-Swaps oder wie sie auch alle heißen. Wirklich verstanden habe ich das Ganze nie so recht, was mich teilweise auch frustriert hat. Dann stieß Dani auf Warren Buffett und mir ging langsam ein Licht auf. Der Ansatz war denkbar einfach: Kaufe unterbewertete Aktien von qualitativ hochwertigen Unternehmen. Das war alles? Irgendwas stimmt doch hier nicht, man muss gar nicht jeden Tag Aktienkurse checken, panisch schnell reagieren, sondern einfach nur investieren und auf seinem Hintern sitzen?
Das konnte ich als Zweifler von Natur aus natürlich nicht auf mir sitzen lassen und las die Bücher von Intelligent Investieren , über Philip A. Fisher und Die Essays von Warren Buffett, bis hin zu Peter Lynch.
Natürlich gab es in den Ansätzen Unterschiede, aber der Kern war immer gleich. Ich hatte endlich das gefunden, mit dem ich mich identifizieren konnte. Ich will an großartigen Unternehmen Miteigentümer sein, ohne mich ständig an irgendwelche Kurse zu klammern oder in Panik zu verfallen, weil mein Geld weg sein könnte. So nahm alles seinen Anfang. Versteht mich bitte nicht falsch, wenn irgendwer Daytrading machen will oder gerne jeden Tag Charts analysiert ist das doch völlig in Ordnung. Für mich ist es nur nichts und ich finde meine Methode viel erfüllender und entspannter.
An diesen „Werdegang“ denke ich immer wieder gerne zurück, auch im Jahr 2019. Mir hilft es ungemein noch einmal gedanklich nachzuvollziehen wieso ich mit so viel Herz und Leidenschaft Value Investor bin und das Ganze hier so gerne mache und mit euch teile.


Crash Propheten

Wisst ihr was mir 2019 noch gehörig auf den Zeiger geht? Die Überschrift gibt es zwar schon her, aber ich will es noch einmal betonen: Crash-Propheten!!!
Damit meine ich teilweise gar nicht den fachlichen Inhalt der Personen, der oftmals verständlich erklärt wird. Ich frage mich nur, was bringt das? Es ist immer dieselbe Masche. Nächstes Jahr bricht das Geldsystem / die Wirtschaft ganz sicher zusammen wegen Faktor X oder Y und wir sind alle voll am Arsch. Am besten sollten wir jetzt sofort Panik bekommen und jedem erzählen, den es interessiert oder auch nicht, dass alles den Bach runtergeht. Ich befürchte auch, dass das mitunter an der kulturell bedingten Schwarzseherei der deutschen Bevölkerung liegt. Nicht umsonst gibt’s im englischen ein eigenes Wort dafür: „German Angst“.
Wenn dann ein Crash wirklich eintrifft, nachdem man jedes Jahr aufs Neue sagt nächstes Jahr ist es soweit, bekommt man schnell den Stempel „Crash-Prophet“ und kann tonnenweise Bücher verkaufen. Nach dem Crash kann man sich erst einmal rühmen, wie toll sein eigenes Anlagesystem und der eigene Fonds ist, weil wenn man einen Crash voraussagt muss man auch Aktienkurse gut voraussagen können. Dass oftmals die Performance der Damen und Herren abgrundtief schlecht ist interessiert dann anscheinend die Wenigsten. Seht euch nur mal die Seite von Revolution der Finanzwelt an um zu sehen, welche verschwörungstheoretischen Ausmaße das Ganze annimmt: Einige deutsche Finanz-Crash-Propheten

Ron Swanson (Quelle: Giphy)

Was ich damit eigentlich sagen will: Mir kommt es so vor, als würde zunehmend mit der Angst von Menschen gespielt werden, um die schnelle Kohle zu scheffeln. Das das möglicherweise fachlich richtig ist steht auf einem anderen Blatt, aber ich will hier nicht mitmachen. Ein Crash wird kommen, soviel steht fest. Ich maße mir aber nicht an zu behaupten zu wissen wann es soweit ist. Ich kann sowieso nichts daran ändern und werde, wenn es soweit ist, hoffentlich die richtigen Entscheidungen treffen.

Die Zürcher Zeitung fasst meine Gedanken relativ gut zusammen:

„Eine weitere verbreitete Reaktion ist die Clinton-Verteidigung. Dabei geht es um die Umdeutung von Tatsachen oder gemachten Aussagen. Der Ausdruck geht auf den ehemaligen Präsidenten Bill Clinton zurück, der behauptet hatte, er habe mit Monica Lewinsky keine sexuelle Beziehung gehabt. […] Auch andere Inflations-Propheten nutzen das Clinton-Manöver. Ein berühmtes Beispiel stammt von Paul Singer. Er äusserte allen Ernstes die Meinung, die USA seien gegenwärtig das Opfer einer Hyperinflation. Sie zeige sich an den Preissteigerungen bei Picassos.
Anleger sollten aus dem Ganzen zwei Lehren ziehen. Erstens: Es gibt ernstzunehmende Warnungen vor einem Konjunkturrückgang oder einer Börsenbaisse. Aber die Aussagen vieler Crash-Propheten dienen nichts anderem als dem Amüsement. Investoren sollten sie sich mit der gelassenen Heiterkeit zu Gemüte führen, mit der man alte Horrorfilme anschaut. Zweitens: Wenn jemand die Clinton-Verteidigung nutzt, stimmt etwas nicht.“ (Vgl. Neue Zürcher Zeitung: https://www.nzz.ch/finanzen/fonds/crash-propheten-und-ihre-ausreden-ld.1464739)

Warren Buffett sagte einst: „Predicting rain doesn’t count, building arks does.”

Wir überlassen demzufolge die Wettervorhersage gerne den anderen. Wir bauen unsere Arche. 


Erfahrungen

Wenn der Wahnsinn der Welt – vor allem auch immer wieder an den Finanzmärkten zu beobachten – um sich greift versuche ich mich in mein Schneckenhaus zurückzuziehen, zu lesen und mich nicht von der Panik und Gier anstecken zu lassen. Es gibt genug Herdentiere da draußen und ich muss nicht überall mitmachen. Ich kann nur wirklich alle großen Value Investoren bestätigen, wenn sie sagen, dass man mit Gelassenheit und Fokus am besten fährt. Um es mit Charlie Mungers Worten zusammenzufassen:

“If you buy something because it’s undervalued, then you have to think about selling it when it approaches your calculation of its intrinsic value. That’s hard. But if you buy a few great companies, then you can sit on your ass. That’s a good thing.“

Ich bleibe vor allem zur Weihnachtszeit gerne auf meinem Hintern sitzen und schau mir die Hektik da an wo ich sie am liebsten betrachte – von der Seitenlinie. Man muss seine eigenen Erfahrungen sammeln und am besten aus allen Fehlern, die man macht, lernen.

Ein berühmter Dialog, den ich einmal gelesen habe, geht diesbezüglich ungefähr so:

„Wie wird man erfolgreich?“

„Indem man die richtigen Entscheidungen trifft.“

„Und wie schafft man es die richtigen Entscheidungen zu treffen?“

„Das kommt durch Erfahrung“

„Und wie bekommt man Erfahrung?“

„Indem man die falschen Entscheidungen trifft“

In diesem Sinne wünsche ich euch treuen Lesern und Anlegern unseres wikifolios eine ruhige und besinnliche Weihnachtszeit und viel Gesundheit, Glück und Spaß mit euren Familien.

Tom Hiddleston (Quelle: Giphy)


Euer freundlicher Value Investor aus der bayrischen Nachbarschaft


Andi


Disclaimer


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Risikohinweis: Die analysierten Aktien unterliegen Kursschwankungen. Im Extremfall ist auch ein Totalverlust möglich.

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Comments (2)

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Toller Blog, weiter so! Und Danke für deine Gedanken und Hintergründe…

Andreas

Dankeschön! Bitte, das mach ich sehr gerne. 😉

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