Ausgabe #108: Tim & Charlie haben eine Einsicht – Im Nachhinein ist man immer schlauer

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(AD_Images, Pixabay, Pixabay Lizenz)


Wir haben schon lange nichts mehr von Tim & Charlie gehört. Höchste Zeit, dass Sie sich in Zeiten der Coronakrise äußern. Ein guter alter Bekannter mischt heute auch mit: Captain Einsicht! Das war euch schon klar? Gut, dann lasst uns wieder mal in die Welt unserer eigenen fehlgeleiteten Psyche eintauchen.


Hindsight Bias – Der Rückschaufehler

Kommen wir erst einmal zur klassischen Definition des Hindsight Bias. „Der Hindsight-Bias (Rückschaufehler) beschreibt in der Psychologie das Phänomen, dass Menschen sich, nachdem sie den Ausgang von Ereignissen erfahren, systematisch falsch an ihre früheren Vorhersagen erinnern, also die Verzerrung einer Erinnerung durch nachträgliche Einsicht stattfindet.“ (Vgl. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik: https://lexikon.stangl.eu/3647/hindsight-bias/)
Auf gut Deutsch heißt das: Sobald wir das Ergebnis von neuen Ereignissen erfahren, gaukeln wir uns selbst vor das doch vorher schon immer gewusst zu haben bzw. hätten sehen müssen. Deswegen könnte man diesen Bias auch als „Das-wusste-ich-doch-schon-vorher“-Denkfehler bezeichnen. Was noch ein wenig kryptisch daherkommt wird durch nachfolgende Beispiele sicherlich deutlicher.


Einige kleine Alltagsbeispiele

Beim Krimi wird der Täter aufgelöst. Bei genau dem dachten wir uns schon die ganze Zeit, dass etwas nicht stimmt. Unsere Intuition ist einfach Spitzenklasse.

Die Regierung hätte wissen müssen, dass am 11. September noch ein zweites Flugzeug angeflogen kommt und den anderen Turm des World Trade Center sofort evakuieren sollen.

Wie blöd sind die zwölf Verleger, die die erste Buchversion von Harry Potter abgelehnt haben. Das war doch klar, dass das ein Riesenerfolg wird.

Was für ein Idiot war denn bitte George Bell (ehemaliger CEO von Excite), als er es 1999 ablehnte Google für 1 Million US-$ zu kaufen?

Früher war alles besser. Wir hatten es so schön im Gegensatz zu heute.

Ich hätte wissen müssen, dass der Markt in der Coronakrise einbricht und vorher alles verkaufen sollen.

(Captain Hindsight; Quelle: Giphy)

Kommt euch teilweise bekannt vor? Wäre komisch, wenn nicht, denn das macht unser Gehirn automatisch. Tim „misserinnert“ sich nur zu gerne und täuscht uns vor wir hätten das eigentlich vorher schon alles gewusst. Ist aber leider nicht so.


Covid-19 und der Börsencrash – Hätten wir alles wissen müssen, oder etwa nicht?

Die Antwort hierauf ist ein eindeutiges „Jein“!
Es ist richtig und ich habe es schon in meinem Black Swan Artikel erwähnt, dass beispielsweise Bill Gates schon sehr früh vor einer ernsthaften Virus-Pandemie gewarnt hat. Art und Umfang waren uns jedoch völlig unbekannt. Viele von uns sind oder waren böse auf die Politik, wieso sie nicht früher reagiert hat, man hätte doch schon bei den Ausbrüchen in Wuhan sehen müssen wie sich das Ganze entwickelt. Aber ist das wirklich so?
Hier ist eindeutig – außer bei einigen Propheten unter uns 😉 – der Hindsight Bias am Werk. Kognitiv „misserinnern“ wir uns gerne an die Vorhersagen, die wir zu einem bestimmten Zeitpunkt gemacht haben. Wenn wir die Zeit zurückdrehen könnten, hätten wir wirklich bei den ersten Zahlen in Wuhan damit gerechnet, dass uns eine Pandemie bevorsteht? Woher hätten wir wissen sollen wann der Markt einbricht?
Da uns jetzt im Nachhinein alle Informationen und Kausalketten zur Verfügung stehen, ist es natürlich einfach nachzuverfolgen wie eins zum anderen führte. Aber wenn wir die einzelnen Ursache-Wirkungs-Zweige zurückgehen, gibt es für jeden Ausgang auch eine hohe Wahrscheinlichkeit das etwas anderes passiert. Zu Anfang der Krise beispielsweise war die Gefahr, dass das Virus Europa erreicht noch relativ gering, die Lage schien unter Kontrolle. Ein anderer Punkt der die Börse betraf war, dass wir uns zeitgleich seit über zehn Jahren in einem Bullenmarkt befanden und wer hätte hier bitte ernsthaft alle Aktien zum richtigen Zeitpunkt verkauft?
Der nächste Punkt, den uns Tim vorgaukelt, ist, dass die Welt ein berechenbarer Ort ist. Im Nachhinein malen wir uns gerne aus, dass alles so kommen musste wie es kam, denn damit kommen wir einfach von Natur aus besser klar. Sonst wäre doch alles Chaos und unvorhersehbar.
Ich lege mich daher fest und ihr könnt mich auch herausfordern. NIEMAND hätte zu Anfang der Coronakrise ernsthaft voraussagen können, dass sich diese Krise zu so einer Pandemie entwickelt wie sie jetzt ist. Ja, es war möglich, aber die Wahrscheinlichkeit war viel geringer als wir es uns jetzt eingestehen wollen. Daraus folgend hätte auch niemand rational begründen können alle seine Aktien vorher zu verkaufen, das wäre zu dem Zeitpunkt keine logische Argumentation gewesen.


Charlie eilt zu Hilfe

Gibt es ein Patentrezept, um uns vor diesem Denkfehler vor allem auch an der Börse zu schützen?
Wer ein Tagebuch führt tut sich einfach, der kann einfach nachlesen. Aber Vorsicht, diese Erfahrung kann einen sehr demütig machen. Mit einem Gedankenexperiment kann man auch sehr gut „in die eigene Vergangenheit reisen“. Dort angekommen sollte man zu sich selbst ehrlich sein, wie man damals wohl mit den zur Verfügung stehenden Informationen reagiert hätte.
Eine ganz spannende Variante, die Dani und ich bei Investmententscheidungen auch immer durchspielen sind „Was-wäre-wenn“-Fragen. Wenn man sich vor Augen führt welche anderen Möglichkeiten es noch gegeben hätte, dass etwas Bestimmtes passiert, sieht man viele Dinge wesentlich klarer. Was müsste sich beispielsweise NICHT ändern, damit das Unternehmen auch noch in Zukunft relevant ist? Oder ein weiterer Grundsatz: „Invert, always invert!“ Wo könnte man sich am ehesten irren und am meisten Geld verlieren? Charlie muss das Ganze richten. Es ist anstrengender und mühsamer als bei Tim nachzufragen, aber die Mühe lohnt sich. Oder wusstet ihr das alles schon bevor ihr meinen Artikel gelesen habt? 🙂


Was sind eure Strategien um den Hindsight Bias zu vermeiden? Gibt es hier jemanden, der alles kommen sah? Schreibt mir, kommentiert und diskutiert, auch gerne über Facebook und Instagram! Gerne könnt ihr euch auch unserer Facebook-Gruppe The Value Investing Circle anschließen.
Außerdem könnt ihr hier einen Blick auf unser wikifolio werfen.


Abschließend wünsche ich euch wie immer noch einen schönen Tag und viel Spaß und Erfolg beim Investieren!


Euer freundlicher Value Investor aus der bayrischen Nachbarschaft


Andi


Weitere Quellen

Medium: https://medium.com/leadership-motivation-and-impact/what-i-learned-from-thinking-fast-and-slow-a4a47cf8b5d5
Farnam Street: https://fs.blog/2009/08/what-is-hindsight-bias/

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