Ausgabe #160: Bavarian Value Letter 2022 by Daniel Bleicher

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(Petar Milošević, Writing a letter, CC BY-SA 3.0)

Servus zusammen,

und wieder ist ein herausforderndes Jahr fast vorbei. Man hat gelernt in gewisser Weise mit Corona zu leben und blickte dahingehend positiv in die Zukunft … und dann folgte der russische Angriff auf die Ukraine. Ich kann es leider nicht anders beschreiben als dass die Zeit weiterhin kompliziert und anstrengend ist – die Probleme haben sich einfach „verändert“. Dennoch möchte ich hier nicht zu viel rumjammern, da ich immer der festen Überzeugung bin, dass auch wieder „einfachere“ Zeiten folgen, in denen die größten Probleme das richtige Gendern oder ähnliches sein werden. Wenn man bisher aus der Menschheitsgeschichte – und Börsengeschichte – etwas lernen konnte, dann war es, dass Krisen dazugehören, die Gesellschaft Krisen überwinden kann und es den Menschen nach den Krisen besser ging als zuvor – und ich glaube nicht, dass es dieses Mal anders sein wird.

„The four most expensive words in the English language are “this time it’s different”.”Sir John Templeton

Und damit möchte ich nun auch die Kurve in Richtung Börse bekommen, da es bei Bavarian Value darum geht – beim Rest kennen wir uns auch einfach zu wenig aus um viel mitreden zu können.


Bärenmarkt und Demut

Und auch das Börsenjahr 2022 war kompliziert. Aber trotzdem möchte ich das Börsenjahr nicht zu negativ bewerten (daher die Umschreibung mit „kompliziert“), weil rein aus Investorensicht hatte es echt was. Wär jetzt auch gelinde gesagt komisch, wenn ich als Value Investor seit Jahren sage, die Kurse sind mir zu teuer und jetzt darüber jammere, dass die Kurse gefallen sind – passt irgendwie nicht zusammen. Deswegen bleib ich dabei, für Value Investoren – und ich möchte noch einmal sagen, dass es hier nur um die Börse geht und ich deshalb die gesellschaftlichen Katastrophen des Jahres bewusst ausklammere – hatte das Jahr was. Es war Andi’s und mein erster (richtiger) Bärenmarkt. Wie ihr wisst, sehen wir den Coronacrash eher wie Ken Fisher als eine extreme Super-Duper-Korrektur, deswegen machen wir dieses Jahr unseren ersten richtigen Bear Market durch. Und so ein richtiger Bärenmarkt lehrt jedem Investor vor allem eines – Demut. Wenn es an der Börse gut läuft, dann ist jeder ein Genie. Aber erst wenn es ruppiger wird, sieht man wie man als Investor psychologisch und auch wie gut das eigene Portfolio tatsächlich aufgestellt ist.

„Only when the tide goes out do you learn who has been swimming naked.”Warren Buffett

Und auch wir mussten erkennen, dass unsere Portfolios nicht so gut aufgestellt sind wie wir dachten. Andi und ich sind nicht die größten Freunde von (extremer) Diversifikation – das ist richtig. Aber eine gewisse Diversifikation ist sinnvoll – auch für uns. Und wir haben dieses Jahr lernen dürfen, dass unser bisheriger Grad an Diversifikation nicht ausreichend ist bzw. für uns nicht reicht. Ich bin im Laufe des Jahres zu der Einschätzung gelangt, dass unser Mangel an Diversifikation aus Selbstüberschätzung resultierte. Und hier schleudert dich ein Bärenmarkt rigoros zurück auf den Boden der Tatsachen und das ist auch gut so. Wir wissen jetzt, dass wir uns hinsichtlich unserer Portfoliomanagements verschätzt haben und dementsprechend unsere Hausaufgaben machen müssen. Der Börse ist deine Selbstwahrnehmung oder dein Ego egal. Früher oder später wird sie dir aufzeigen – und das kann durchaus schmerzlich sein – wo du dich verrechnet hast. Daher musst du als Investor versuchen deine Gefühle und dein Ego unter Kontrolle zu halten. Natürlich darf man von seinen Investmentideen überzeugt sein, sonst sind Einzelaktien wohl eher weniger was für einen, aber keinesfalls sollte man überheblich werden. Ich denke das Ziel eines Value Investors – bezogen auf das eigene Ego – sollte sein, selbstbewusst, aber keinesfalls überheblich oder arrogant, sondern demütig zu agieren. Klingt schwierig, aber wer hat behauptet, dass es einfach werden sollte. Es ist eine Gratwanderung und dazu gehört wohl auch viel Erfahrung – und dieses Jahr konnte man an der Börse wieder viel Erfahrung sammeln.


Kunst oder Wissenschaft

In meinem Letter von 2020 hatte ich geschrieben: „Ja, in seinem ersten Crash macht man viele Erfahrungen und darüber bin ich sehr froh. Ich bin schon gespannt was wir im nächsten Crash lernen werden.“
Wenn ich jetzt auf unser Verhalten während der Super-Duper-Corona-Korrektur zurückblicke, waren wir womöglich etwas zu vorsichtig mit unseren Investments. Wir haben zwar in den ersten Wochen investiert, aber vor allem als die Kurse wieder nach oben gingen waren wir in einer Art „Schockstarre“ (die Kurse könnten ja wieder fallen) und schlussendlich zu lange zu passiv.
2022 – erster „richtiger“ Bärenmarkt – machen wir das besser. Frei nach dem Motto „alle Geräte ans Rathaus“ haben wir von Anfang ziemlich aggressiv gekauft. Das Ende vom Lied ist, dass wir seit gut 6 Monaten voll investiert sind und kaum Cash für Nachkäufe haben – war jetzt auch nicht so ideal. Und das bringt mich zu einem Zitat von André Kostolany:

„Börsenerfolg ist eine Kunst und keine Wissenschaft.“André Kostolany

Natürlich kann man sich bezüglich des Investierens viel durch das Lesen von Büchern aneignen, vor allem wenn es um die Analyse und Bewertung von Unternehmen geht. Aber manches kommt wohl erst mit der Zeit bzw. mit der praktischen Erfahrung. Und ich gehe stark davon aus, dass ich an der Börse noch viele – gute und schlechte – Erfahrungen sammeln werde, die mich dann auch als Investor weiter voranbringen werden.

Da wir jetzt schon langsam am Ende meines diesjährigen Letters angekommen sind, möchte ich nochmal ein Zitat aufgreifen, welches wir bei unserem letzten wikifolio-Update schon verwendet haben – aber es passt dieses Jahr einfach so gut. Gesehen bei Stefan Waldhauser auf High-Growth-Investing, der es wiederum bei iNTELLiGENT iNVESTiEREN von Michael Kissig abgekupfert hat:

„You need three bear markets to know what to do. The first nearly wipes you out, the second you learn how to survive and the third you take by the scruff of the neck and enjoy it.“Crispin Odey

In diesem Sinne und mit den Worten von Gloria Gaynor: „I will survive!“ – wir versuchen es zumindest. 🙂


Zum Schluss möchte ich euch, euren Freunden und Familien ein besinnliches Weihnachtsfest und schöne Feiertage wünschen. Bleibt positiv, es kommen auch wieder einfachere Zeiten.

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Bill Murray in „Die Geister, die ich rief …“ / Originaltitel: Scrooged (Quelle: Tenor)


Euer freundlicher Value Investor aus der bayrischen Nachbarschaft


Daniel „D!“ Bleicher

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