Ausgabe #28: Warum Value Investoren nachts besser schlafen können – die Sicherheitsmarge

Bild von Ukko.de (Quelle: Wikimedia Commons)

 

Zum ersten Mal haben wir sie in unserer Ausgabe #4 – Value Investing nach Benjamin Graham (Grundlagen des Value Invesings Part I) erwähnt. In unseren Inside-Artikeln kommt sie ständig zum Einsatz. Worum geht es?

Han Solo (Quelle: Giphy)

Wir betreiben den Bavarian Value Blog mittlerweile seit einem halben Jahr. Wie ihr wisst, bezeichnen wir uns als Value Investoren, da wir ja durchaus von diesem Konzept überzeugt sind (womöglich leichte Untertreibung 😉 ). Und ein Thema, obwohl es so extrem wichtig für Value Investoren ist, haben wir noch gar nicht behandelt (Sorry!).

Aber das ändern wir heute, denn dieser Artikel dreht sich um die …

… Trommelwirbel …

… Mütter haltet eure Kinder fest …

… Väter haltet eure Halbe fest …

Rocky Horror Picture Show (Quelle: GIFER)

Margin of Safety – die Sicherheitsmarge!

 

Die Sicherheitsmarge

 

„Eine Kapitalanlage liegt dann vor, wenn sie nach gründlicher Analyse die Sicherheit des eingesetzten Kapitals und einen angemessenen Gewinn verspricht. Anlagen, die diesen Kriterien nicht entsprechen, sind spekulativ.“ (Vgl. Benjamin Graham: Intelligent Investieren)
So hat Benjamin Graham damals eine Investition definiert (meiner Meinung nach immer noch die beste Definition von „Investition“). Und um die Sicherheit des eingesetzten Kapitals zu gewährleisten hat Ben Graham das Konzept der Sicherheitsmarge entwickelt.

Die Erklärung überlasse ich zunächst ebenfalls Benjamin Graham selbst:

Per Definition ist die Sicherheitsmarge „eine günstige Differenz zwischen dem Kurs einerseits und einem angedeuteten oder geschätzten Wert andererseits. […] Um tatsächlich zu investieren (und nicht zu spekulieren), muss eine echte Sicherheitsspanne vorliegen. Außerdem kann eine echte Sicherheitsspanne durch Zahlen, durch überzeugende Argumente und durch wirkliche Erfahrung belegt werden.“ (Vgl. Benjamin Graham: Intelligent Investieren (Kapitel 20))

 

Wie auch schon in der Definition angeklungen, verwenden Value Investoren die Sichermarge primär bei der Unternehmensbewertung. Am besten lässt sich das mit einem einfachen Beispiel veranschaulichen.

Man errechnet für die Aktie eines beliebigen Unternehmens den fairen (wahren / inneren) Wert von 100 €. An der Börse wird die Aktie für 95 € gehandelt. Somit könnt ihr die Aktie für 5 Euro weniger erwerben, als diese laut eurer Berechnung eigentlich wert ist. Diese 5 € wären eure Sicherheitsmarge, sprich eine Sicherheitsmarge von 5%.

Da nun das Prinzip klar sein sollte spielen wir noch zwei Szenarien durch um zu sehen was in der realen Börsenwelt weiter passieren könnte:

Version 1: Euch sind die 5% Sicherheitsmarge zu wenig. Ihr wartet und tatsächlich fällt der Kurs der Aktie auf 70 €, 30 € weniger als der von euch errechnete faire Wert. Somit hättet ihr nun eine Sicherheitsmarge von 30%. Nicht schlecht!

Version 2: Euch sind die 5% Sicherheitsmarge zu wenig. Ihr wartet und der Kurs der Aktie steigt auf 102 €. Tja, Pech gehabt. Eure Sicherheitsmarge ist nicht nur kleiner geworden, sie ist komplett verschwunden und eigentlich negativ (-2%). 102 € aktueller Kurs zu 100 € fairer Wert, d.h. die Aktie ist jetzt überbewertet.

 

Jeder Investor muss für sich selbst entscheiden, wie viel Sicherheitsmarge er bevorzugt. Benjamin Graham hat damals ca. 30% („[…] die wir zum Kauf empfehlen, wenn sie für zwei Drittel oder weniger ihres Wertes zu haben sind.“) als Richtwert vorgeschlagen.

Andi und ich fordern bei unseren Investments i.d.R. auch eine Sicherheitsmarge von 30% bis 40%. Jedoch legen wir uns hier nicht wirklich auf einen konkreten Wert fest, sondern entscheiden von Unternehmen zu Unternehmen neu.

Aber generell gilt: Je größer die Sicherheitsmarge, desto besser ist es für den Investor!

 

Welche Auswirkungen hat die Sicherheitsmarge?

 

Erster Vorteil:

Es gibt das bekannte Zitat von Warren Buffett: “Rule No.1: Never lose money. Rule No.2: Never forget rule No.1.“

Und hier kommt die Sicherheitsmarge ins Spiel. Je günstiger der aktuelle Aktienkurs im Vergleich zum inneren Wert ist, also je größer die Sicherheitsmarge ist, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Aktie noch viel tiefer fallen wird.

 

Kleines Beispiel:

Fairer Wert: 10 €

Version 1: 8 € (Sicherheitsmarge 20%)

Version 2: 5 € (Sicherheitsmarge 50%)

 

Mir persönlich würde Version 2 viel besser gefallen. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Kurs dieses Unternehmens bei 5 Euro noch fällt ist geringer als bei 8 Euro. Und auf der anderen Seite ist das Potential nach oben bei Version 2 auch größer.
Frei nach dem Motto des in Bombay geborenen Superanlegers Mohnish Pabrai: “Heads I win, tails I don’t lose much.“

 

Zweiter Vorteil:

Natürlich sind wir in diesem Beispiel von der unwahrscheinlichen Annahme (Ja, ich bin VWLer – ganz ohne unrealistische Annahmen komme ich nicht aus. 😉 ) ausgegangen, dass jemand exakt den richtigen inneren Wert eines Unternehmens bestimmen könnte. Nehmen wir doch den wahrscheinlicheren Fall, dass man den inneren Wert ungefähr schätzen kann. Wie hilft uns da die Sicherheitsmarge?

 

Wieder ein kleines Beispiel:

Exakter fairer Wert: 10 €

Der von uns geschätzte Wert: Irgendwo im Bereich 11 € bis 12 €

 

Wir haben uns mit dem inneren Wert um 10% bis 20% vertan und leider in die verkehrte Richtung. Wir schätzen einen höheren inneren Wert als er in Wirklichkeit ist. Ohne entsprechende Sicherheitsmarge würden wir bei 10,90 € investieren, weil wir der Meinung sind, dass das Unternehmen bei diesem Preis unterbewertet ist. In der nächsten 2 Jahren nähert sich der Aktienkurs Dank Rückkehr zum Mittelwert seinem wahren Wert von 10 Euro – schlecht für uns.
Verlangen wir jedoch eine Sicherheitsmarge von 20% (bei 11 € wären das 2,20 €), dann würden wir frühestens bei 8,80 € einsteigen.

Also schützt uns die Sicherheitsmarge – wie ein Sicherheitsnetz bzw. -puffer – vor unseren eigenen Fehlern und manchmal auch ganz schlicht und ergreifend vor Pech.

 

Dritter Vorteil:  

Dieser Vorteil ist meine persönliche Meinung und ich weiß, dass es hier in der Finanzwelt durchaus unterschiedliche Ansichten gibt. Für mich reduziert die Sicherheitsmarge eben auch die Notwendigkeit von extremer Diversifikation. Diversifikation soll laut – gängiger und gelehrter – Theorie vor Kursverlusten schützen. Wenn man aber schon mit Hilfe der Sicherheitsmarge das Risiko von Kursverlusten bei jedem einzelnen Investment minimiert hat, warum sollte man dann noch auf Diversifikation setzen, welche die Performance schmälert?

Wie Charlie Munger so schön sagt: “The idea of excessive diversification is madness. Wide diversification, which necessarily includes investment in mediocre businesses, only guarantees ordinary results.”

Ich möchte die Idee der Diversifikation nicht verteufeln, aber ich bevorzuge ein eher konzentriertes Portfolio: “It is a mistake to think that one limits one’s risk by spreading too much between enterprises about which one knows little and has no reason for special confidence.“ (John Maynard Keynes)

Aber am Ende des Tages muss jeder für sich selbst wissen mit welcher Anlagestrategie er sich wohl fühlt und nachts ruhig schlafen kann.

 

Die Bedeutung der Sicherheitsmarge heute

 

The Intelligent Investor von Graham wurde 1949 zum ersten Mal veröffentlicht. Ihr fragt euch sicherlich, „Welche Bedeutung kann dieses über 60 Jahre alte Konzept noch haben?“. Ich lasse hier mal ein paar der erfolgreichsten Investoren unserer Zeit zu Wort kommen um diese Frage zu beantworten:

 

„The three most important words in investing … Margin of Safety.“ – Warren Buffett

„The idea of a Margin of Safety, a Graham precept, will never be obsolete.“ – Charlie Munger

„Margin of Safety – Always!“ – Mohnish Pabrai

„If I pay too much upfront, I’d better understand everything there is to know about the company since there is no margin of safety. If I invest when it’s undervalued, I can be wrong about a whole host of issues and still make a good return.“ – Guy Spier

„We insist on a margin of safety in our purchase price. If we calculate the value of a common stock to be only slightly higher than its price, we’re not interested in buying. We believe this margin of safety principle, emphasised by Ben Graham, to be the cornerstone of investment success.“ – Warren Buffett

 

Ja, die Sicherheitsmarge hat über die Zeit nichts an ihrer Bedeutung für Value Investoren eingebüßt und ist immer noch ein zentrales Konzept des Value Investings.

 

Die inverse Sicherheitsmarge

 

Hier ein kleiner Einblick in den von uns vielfach erwähnten „Bavarian Way of Value Investing“.

Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, ob es im großen Value-Investing-Kosmos diese Idee schon gibt, aber auf diese Verwendung der Sichermarge sind Andi und ich bei einer Diskussion darüber gekommen „wann man Aktien wieder verkaufen sollte“:

So wie eine für den Investor positive Differenz zwischen fairem Wert und Aktienkurs ein Kriterium beim Aktienkauf ist, so kann eine negative Differenz (fairer Wert 100 € & Aktienkurs 150 €) ein Kriterium beim Aktienverkauf sein. Wir verkaufen i.d.R. sehr selten Aktien. Hierbei sind unsere zwei Grundprinzipien, dass entweder das Unternehmen über einen längeren Zeitraum fundamental schlechter geworden ist oder eben, dass die Aktie extrem überbewertet ist. Und um diese extreme Überbewertung einigermaßen festzustellen, verwenden wir unser Konzept der inversen Sicherheitsmarge. Wir legen beim Kauf einen groben Wert für den Aktienkurs fest bei dem wir über einen Verkauf diskutieren würden.

 

Kleines Beispiel:

Fairer Wert: 10 €

Inverse Sicherheitsmarge (100%): 20 €

 

Wenn die Aktie irgendwann nach dem Investment in das Unternehmen und ohne, dass zwischenzeitlich die inverse Sicherheitsmarge angepasst wurde, den Kurs von 20 € erreicht, setzen wir uns zusammen und diskutieren, ob ein Verkauf sinnvoll wäre oder ob es klüger ist das Unternehmen weiterhin im Portfolio zu haben.

Wie ihr sehen könnt, ist die inverse Sicherheitsmarge kein starres Konzept, sondern eher ein Richtwert.

 

Die Sicherheitsmarge im Alltag

 

Natürlich lässt sich das Konzept der Sicherheitsmarge auch in den Alltag übertragen. Wenn man die Idee dahinter verstanden und verinnerlicht hat, kann man sie fast überall verwenden:

„Hat man genug Bier fürs WM-Spiel mit den Freunden gekauft?“ – Sicherheitsmarge! Schon kauft man zwei zusätzliche Kistln Tegernseer, Augustiner oder Naabecker und man ist sich sicher, dass das Bier nicht ausgeht.

(Natürlich ist das einzige Beispiel aus dem Alltag, dass mir spontan einfällt ein Beispiel mit Bier. Ich bin aus Bayern! 😉 )

Homer Simpson (Quelle: Giphy)

 

Und jetzt seid ihr wieder gefragt: Verwendet ihr das Konzept der Sicherheitsmarge bei euren Investitionsentscheidungen? Welche Sicherheitsmarge verlangt ihr? Was sagt ihr zum Konzept der inversen Sicherheitsmarge? Wo kann man die Sicherheitsmarge im Alltag noch verwenden? Haut in die Tasten und schreibt uns eure Meinung – gerne auch auf Facebook oder Instagram.

 

Abschließend, wie immer, noch einen schönen Tag und viel Spaß und Erfolg beim Investieren! 😉

 

Euer freundlicher Value Investor aus der bayrischen Nachbarschaft

 

Daniel „D!“ Bleicher

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